Eine markante Änderung erfuhr St. Radegund im Verlauf des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit erlebte die örtliche Kaltwasserheilanstalt - 1841 als deren erste in der Steiermark zugelassen - ihren Aufstieg - und mit ihr der gesamte Ort. Diese „Goldene Ära“ ist untrennbar mit dem Namen Dr. Gustav Novy verbunden, der nicht nur fachlich kompetent agierte, sondern auch ein geschicktes Marketing betrieb. Die dadurch angereiste mondäne Kurgesellschaft beeinflusste auch das Erscheinungsbild des, bis dahin unscheinbaren, landwirtschaftlich geprägten Dorfes: eine Kuranstalt mit einem imposanten Kursaal und zahlreiche Villen wurden errichtet, Quellen gefasst, Wege angelegt und die Infrastruktur ausgebaut. 1912 wurde die Gemeinde Teil des Bezirks Graz-Umgebung. Der wirtschaftliche Aufschwung fand in der Zeit des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. © Harald D. Gröller 2019
Die Kuranstalt nach dem 1.Weltkrieg
Im letzten Kriegsjahr kaufte der Verband der Krankenkassen für Steiermark und Kärnten die Kaltwasserheilanstalt und sanierte die desolaten Gebäude und Einrichtungen: diese Übernahme durch die Krankenkasse wurde als großer Schritt in Richtung Demokratisierung des Gesundheitswesens gefeiert. Damit begann ein neuer und erfolgreicher Abschnitt in der Kurgeschichte von St. Radegund, der sich bis in die Gegenwart (s. Herz – Kreislauf – Heilstätte der PVA) fortsetzen sollte. So wurde der Kuraufenthalt vielen einkommensschwachen Patienten ermöglicht, welche weiterhin auch dezentral, wie im Novy – Konzept vorgesehen, in den privaten Villen untergebracht waren. Im Jahr 1919 wurde die Villa Novy, das Palais des Begründers der Kuranstalt, als Erholungsheim für erholungsbedürftige und unterernährte Kinder adaptiert. Ebenso wurde im Jahr 1928 die Eröffnung derselben Villa als Erholungsheim des Privatbeamtenvereins (das spätere Merkur – Sanatorium) als soziale Errungenschaft gefeiert. Insgesamt erreichte die Zahl der Kurgäste in der Zwischenkriegszeit nicht nur jene der Vorkriegszeiten, sondern übertraf sie sogar.
St. Radegund in der NS–Zeit und im 2.Weltkrieg
Die Gemeindebevölkerung stimmte am 10. April 1938 nicht zu 100% für den bereits vollzogenen „Anschluss“. Das eigentliche Zentrum der NS-Bewegung aber befand sich am Schöckl, wo u.a. jährlich das nationale Turnfest auf der Jahnwiese veranstaltet wurde. Der Hüttenwirt des Stubenberghauses am Schöckl war daher folgerichtig auch der erste NS-Ortsgruppenleiter von St. Radegund.
Im Krieg wurden in St. Radegund zahlreiche „Ausgebombte“ aus dem Ruhrgebiet, Umquartierte und Flüchtlinge in der leer stehenden Kuranstalt und den zahlreichen Privatquartieren untergebracht. Auch der Fürstbischof von Graz – Seckau Ferdinand Pawlikowski suchte am Kriegsende im Pfarrhof Schutz. Der Einzug der Roten Armee in den Ort bedeutete Befreiung von der NS-Diktatur, aber auch Übergriffe durch russische Soldaten. Die ersehnte Erleichterung für die Bevölkerung brachte die nachfolgende Besatzung durch britische Soldaten.
© Franz Christian Weber 2021